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ES SIEHT BÖS AUS!

SKANDAL! SKANDAL!

SEBASTIAN

TIEF IM NORDEN

Lesung aus «Tief im Norden», Generalversammlung der Sozialdemokratischen Partei des Bezirks Rheinfelden/Schweiz, Januar 2000

––>> Wetterbericht:

Deutsche Bucht, Hamburg und Schleswig Holstein: Windstärke 9 bis 10, orkanartige Sturmböen, Gefahr einer schweren Sturmflut!

                                                                           *

––>> Es gibt noch andere Berichte, z.B. den «Bericht für eine Akademie» von einem gewissen Franz Kafka...; immerhin – Kafka, womit schon deutliche Hinweise auf meine «nördliche» Befindlichkeit gegeben wären. Auch eine Vorgabe der Stimmung in “Tief im Norden”.

Kafkas höchst beklemmendes Dauerthema ist das des Individuums, das sich – ohne jeglichen ihm ersichtlichen Grund, geschweige denn, ein eigenes Wissen von Schuld zu besitzen – in lebensbedrohlichen Konflikten mit anonymen Ordnungssystemen sieht, die es ihm gegenüber für völlig überflüssig erachten, sich auf irgendeine Weise zu legitimieren. Ja noch viel niederschmetternder: Sie geben sich noch nicht einmal zu erkennen!

Kafkas deprimierend düstere Welt ohne jede Hoffnung, die dem Expressionismus nahe steht, findet ihre visuelle Entsprechung in der Malerei des Edvard Munch.

Sein Bild «Der Schrei» ist an psychotischer Beklemmung und expressivem Angriff auf die Seele nicht zu übertreffen.

Das Grauen nistet überall, der Mensch ist ins Leben geworfen; Hilfe wird ihm nicht zuteil. Sein Leben ist «die Krankheit zum Tode», wie frühe Existentialisten dies formuliert haben.

Kulturpessimismus des Bösen, das auf leisen Sohlen kommt und einfach da ist. Fragen nach seiner Existenzberechtigung sind nicht erlaubt.

«Schuldig – unschuldig» ist zu Beginn des Strafverfahrens bereits festgelegt, das Urteil wird nicht mehr verhandelt, sondern vollstreckt.

                                                                           *

––>> «Tief im Norden», mein erstes, 1995 erschienenes Buch, ist die sehr bewusst subjektive (ich betone dies nachdrücklichst!!), stellenweise polemische autobiographische Bilanz von 7 Jahren und 11 Monaten Existieren in rauem Klima unter der massiven Bedrohung, entwurzelt zu werden.

                                                                           *

––>> Eine Art deutsche Chronik des Überlebens in widrigen Lebensumständen oder eine Aufzeichnung struktureller Gewalt.

––>> «Strukturelle Gewalt?» Was ist das?

                                                                           *

Meine Ansichten, hauptsächlich «Tief im Norden» schmerzhaft erworben und auch in Bezug auf ihn, aber nicht ausschließlich, lauten so:

– Gewalt, ausgeübt von gewissen Oberstudiendirektoren, die im Buch «Esbit» und «Dr. Kleinlich» genannt werden und die sich hinter den repressiven Strukturen des deutschen Beamtenrechts zuverlässig verschanzen konnten, ist für mich der Terror der Unvernunft. Dies hat in Deutschland geübte Traditionen, die sich bis in die Todeslager des Ostens verfolgen lassen. Dies stößt auf meinen Widerstand.

– Soziale Einheiten, wie die «Tief im Norden» überwiegend angetroffene Bevölkerung, die aus vielen Gründen die unangenehme Angewohnheit eingeübt haben, Eigeninitiative, Spontaneität, Kreativität und Kritik auszumerzen, indem sie Individuen durch Marionetten ersetzen wollen, stoßen auf meinen Widerstand.

– Machtmenschen, die ihren Mangel an Selbstkontrolle durch Gewaltakte an anderen abreagieren, stoßen auf meinen Widerstand.

– Nicht nur in Deutschland. Ich sage nicht, dass Ähnliches beispielsweise im obersten Emmental oder in Appenzell nicht passieren könnte.

                                                                           *

––>> Die Handlung des Buches: Nach 12 Jahren Lebens in Frankfurt am Main entschlossen wir uns, wir, das sind meine Frau und ich, (oder: wir wurden entschlossen, aus beruflichen Gründen, je nachdem), ganz in den Norden Deutschlands, auf eine Insel zu ziehen.

Was dann gewisse Konsequenzen hatte…

                                                                           **

Kontraste von Freiheit und Gefangenschaft

––>> Beginnen will ich unsere Reise in Frankfurt, ‚meinem’ Frankfurt, wie ich es erlebt habe von 1969 bis 1981:

«Zwölf Jahre hatte mich diese Stadt gelebt, in Atem gehalten, in Blechlawinen eingekeilt, in Kämpfen um Parklücken aufgerieben, mit hysterisch schrillenden Straßenbahnzügen ohne Erbarmen gejagt; eingepfercht, gedrängt, geschoben, gehetzt und oft einsam gemacht wie Zehntausende ohne Namen, die sich ihrem gnadenlosen Rhythmus unterwerfen mussten wie ich, wollten sie nicht als unbrauchbar gebrandmarkt werden, als Geprüfte, die vor ihr nicht bestanden hatten.

Sie war nicht schonend mit mir umgegangen, ihr Geräuschpegel war der des markerschütternden Donners der stählernen Ungeheuer, die von Rhein-Main feurig in den Himmel ritten und heulender Motore der Wagen, die von gesichtslosen Fahrern in halsbrecherischen Spurwechseln über die Rollbahnen, die hier Autobahnen heißen, gejagt wurden.

Verwirrt und schockiert hatte sie mich mit ihren lasziven Geheimnissen des Bahnhofsviertels, in dem die Priesterinnen der Nacht ihre Schönheit und allerlei Kunstfertigkeiten anboten, dabei hatte sie sich ihrer Sittenlosigkeit nie geschämt, die Schminke trug sie nur zum Geldverdienen, nicht um sich zu verstellen. Das wusste jeder, es gehörte zum Geschäft, Zärtlichkeit war nicht Gegenstand des Dienstleistungsvertrages.

Immer schon war sie eine schlecht geschminkte, bis zum Kotzen ehrliche Boomtownhure mit Goldgräbermentalität gewesen. Sich wandelnden Konsumentengewohnheiten hatte sie frühzeitig mit der Einrichtung eines Straßenstrichs an der Messe Rechnung getragen, das erleichterte den eingeschüchterten Provinzlern das Einfädeln einer großstädtischen Verruchtheit und den Töchtern der Messalina das Abkassieren.

Man würde sich in heimatlichen, rauchgeschwängerten Bierrunden amouröser Heldentaten brüsten können!

Was störte es die Stadt, wenn sich die heuchlerischen Männer und ihre unbefriedigten Ehefrauen im Schatten der Dorfkirche das Maul über sie zerrissen:

‚Geld stinkt nicht’, und ihre Kasse hat noch immer gestimmt.»

                                                                           *

Ich liebe Frankfurt! Frankfurt ist meine Stadt!

                                                                           **

––>> Dagegen «mein» Norden, wie ich ihn mir erträumt hatte:

«Dort oder nirgends, auf der Insel, würden wir es vollbringen, zu uns selbst zu finden, die Unpersönlichkeit und Rastlosigkeit des Stadtlebens abzuschütteln, uns zu integrieren in eine intakte, überschaubare Gemeinschaft, die durch den florierenden Tourismus an Zugereiste gewöhnt war. Ich sah mich schon im wöchentlichen Kreise bärtige Seebären mit Schreckensgeschichten aus dem hessischen Sündenbabel in Schaudern versetzen. Dann würden wir diese furchterregenden Erzählungen aus einer fernen Welt schnell vergessen und uns gegenseitig versichern, wie sehr dagegen auf unserer Insel doch alles noch ‚den Düvel ok’ in Ordnung sei.

Gemeinsam würden wir durch den Schnee nach Hause stapfen, und die Eingeborenen würden mir bei der Verabschiedung kräftig kameradschaftlich-schulterklopfend anvertrauen, dass sie mich schon als ihresgleichen betrachteten und froh wären, dass wir jetzt dazugehörten, wir zu ihnen, sie zu uns: ‚einer für alle, alle für einen‘.

Am Morgen würde ich, nach einem gemütlichen Frühstück mit meiner Frau, die mir durch die gehäkelten Gardinen hinter den Butzenscheiben noch lange nachsehen würde, zu Fuß zu meiner nahe gelegenen Schule gehen, unterwegs respektvoll gegrüßt von disziplinierten Schülern, die gerne in meinen Unterricht kämen.

Nach einem kleinen Scherz mit den Kollegen würde man der Aufforderung der Schulglocke Folge leisten, seinen Pflichten nachzukommen, nicht in übergroßer Eile, denn auf unserer Insel gälte es als unschicklich, in Hast zu sein, das überließen wir den verrückten Großstädtern. Auch der Unterricht würde in ruhigen Bahnen verlaufen, die Angst des Referendars vor dem Fachleiter hätte ich dann schon lange abgelegt, der Direktor würde mir vertrauen und nur ungläubig  den Kopf schütteln, wenn ich ihm von Disziplinproblemen der Vergangenheit erzählen würde.»

                                                                           *

––>> Wunschdenken der infantilen Art. Es hatte andererseits Zeichen genug gegeben, die mich hätten warnen müssen; was allerdings die Bereitschaft vorausgesetzt hätte, lesen zu können und zu wollen:

«Weit hinter Hannover verfinsterte es sich zusehends, und ein niedergehender Schneesturm verwischte die Horizontlinie, das Auge vermochte Himmel  vom Land nicht mehr zu trennen. Dies war allerdings nur ein kurzes Intermezzo, die Wolken rissen auf, und das durchbrechende klare Licht gab den Blick frei auf die herbe Schönheit der Landschaft mit den reetgedeckten Häusern, die durch ihre tiefgezogenen Dächer ihre Erdverbundenheit noch betonen, als wollten sie damit ausdrücken, dass sie nicht gewillt seien, auch nur einen Quadratmeter des mühsam den Naturgewalten abgetrotzten Bodens kampflos preiszugeben, komme, was immer da wolle: der tosende Nordwest, der sich fauchend wie ein sibirischer Tiger auf das Land stürzt, der um Hausecken dröhnt, an den Fundamenten rüttelt, unzüchtig unter das Dach greift und es hochzuheben versucht, die aufgepeitschte graue See, die ihre mit Schaumfetzen gekämmten Brecher brüllend gegen die Küste anrennen lässt, wieder und wieder, seit Jahrtausenden, ohne müde zu werden, das ihr auferlegte Zerstörungswerk doch noch zu vollenden.

Allem haben sie widerstanden, auch den großen ‚Mannstränken', den Sturmfluten, in denen sich der blanke Hans, aufgehetzt von seinem Freund Rasmus, dem Wind, seine Opfer vom Land geholt hat, aber ungeschoren sind sie der Natur nicht entronnen, die Erbarmungslosigkeit der Elemente hat ihre Spuren in ihr Wesen gegraben.

Dieser unablässige Kampf hat den Menschenschlag, der sich hinter den Deichen und Sperrwerken duckt, hart werden lassen: ‚Dem ersten den Tod, dem zweiten die Not, dem dritten das Brot‘, das ist die gnadenlose Quintessenz der Lebenserfahrung der Menschen an der Küste.»

––>> Die Insel, unsere erste Station in Schleswig-Holstein, wie sie sich selbst sieht, herausgeputzt für TouristInnen, denen das Geld locker sitzen soll:

«Der Gast aber ist willkommen und wird – wenn er es nur recht anzufangen weiß – in das Inselleben einbezogen. Die Einheimischen können wunderbare – oft augenzwinkernd – Geschichtchen erzählen; überhaupt gehört ein 'Klönschnack', wie man das an der Küste nennt, immer dazu. Vor allem beim Tee, Teepunsch, beim 'Pharisäer' oder steifen Grog kommt das Gespräch rasch in Gang.

Vieles auf der Insel hat sich über Jahrhunderte erhalten, und die guten alten Zeiten, die andernorts als unwiederbringlich betrauert werden, hier sind sie noch zufrieden genossene Gegenwart.»

                                                                           *

––>> Wie ich im Norden ankam:

«Es war ein nasskalter Nachmittag, wie es in Hamburg vermutlich dreihundert pro Jahr gibt, und die Häuser sahen nach Hanseatenart arrogant und unnahbar auf mich herab.

Entweder schienen sie  überhaupt nicht zu bemerken, dass da einem Heimatlosen etwas Zuwendung Trost gewesen wäre, oder dieser Dahergelaufene war ihnen genauso gleichgültig wie die Tauben, die gurrend auf Dächern und Dachrinnen flanierten.

Alles schien sehr entfernt, grau und mitleidslos, kümmerte sich überhaupt nicht um mich, wies mich eiskalt zurück. Dieser Eindruck des damaligen Freitagnachmittags ist in meiner Vorstellungswelt eine feste Verbindung mit meinem persönlichen Bild von Hamburg eingegangen.

Dort bin ich immer nur abgereist, nie angekommen, auch hat mich in dieser Stadt niemals jemand erwartet. Höchstens mit dem Kaffee, aber nicht mit dem Herzen.

Vielleicht hat diese Stadt ihre Leidensfähigkeit erschöpft in den von Bomber-Harris' Royal Air Force als Antwort auf den Naziterror gegen Coventry entfachten Phosphornächten, in denen das stolze, hochmütige Hamburg seine Kinder als lebende Fackeln verglühen sah: zerfetzt, verdampft und ausradiert in den waffenstarrenden Flakstellungen, welche die fliegenden Festungen mit ehernen Titanenfäusten von den Luftschutzbunkern rissen.

Keine Stadt vergisst die Schreckensnächte in den Bombenkellern, die Sirenen, die Schreie wie verendende Tyrannosaurier ausstoßen und ankündigen, dass die ohne alles Maß tobende Bestie Krieg auf Beute aus ist, auf schlachtfrisch rauchendes Menschenfleisch, das ihr die Kraft verleihen wird, weiterzurasen. 

Das Grauen hat sich auf ewig in den Häusermauern eingenistet und überträgt sich auf die Bewohner, die es auch mit ihrem euphorischsten Lachen nicht vertreiben können.»

                                                                           *

––>> Und wie die Insel über mich kam:

«Ich hörte sie noch die Autotüren schlagen, wegfahren und war allein. Die Stille fand ein wehrloses Opfer und fiel auf mich.

Bedrückendes Schweigen erfüllte das Bauwerk, kein Geräusch aus seinem Inneren, das Leben oder eine seine Äußerungen bedeutet hätte. Das Haus konzentrierte sich auf die Lautlosigkeit, horchte in sich hinein und versuchte zu ergründen, womit  seine Bewohner gerade beschäftigt waren. Dem Wind, der pfeifend um seine Ecken ging, gelang es nicht, es von dieser Tätigkeit abzubringen oder die Richtung seiner Gedanken zu beeinflussen.

Offensichtlich war es dem Anwesen nicht entgangen, dass es einen neuen Bewohner hatte, den es daraufhin überprüfen musste, ob es ihn annehmen und beschützen, oder ob es ihm gegenüber eine feindselige Haltung einnehmen solle. Wenn die Untersuchung für den Aspiranten negativ ausfiele, was zu entscheiden es sich durchaus vorbehielt, fände es Mittel und Wege, ihn auszuspeien wie einen unverdaulichen Fremdkörper.

Es war zwar das jüngste der Gebäude in der ganzen Gegend, aber da es aus denselben Materialien wie die anderen bestand, kannte es deren vollständige Geschichte, und all ihre Erfahrungen und Handlungsweisen waren in seinen Fundamenten eingemauert. Es konnte jederzeit darauf zurückgreifen oder sich auch nachts mit den anderen beraten, wenn die Bewohner in ihrer Aufmerksamkeit nachließen und nicht ahnten, dass über ihr Schicksal entschieden wurde.

In engem Bunde stand es mit einem Backsteinbau schräg gegenüber, der unablässig zu mir herüberstarrte, aus mitleidlosen, neurotisch-gequälten  Augen, in denen der mehrfach gebrochene Widerschein einer blauen Neonreklame irrlichterte. Die Schatten der windgefegten Zweige einer Trauerweide erzeugten an der Zimmerdecke das Muster eines hypnotisierenden Kaleidoskops.

Fahles, schwankendes Licht einer einsamen Straßenbeleuchtung hauchte waagrecht gejagten Schneeflocken sekundenkurzes Leben ein, bevor sie in der Dunkelheit untergingen.

                                                                           *

So wie ich mich an meinem ersten Inselmorgen fühlte, wären die Devisenvorräte der Deutschen Bundesbank nicht ausreichend gewesen, mein Gemüt kompensatorisch aufzuhellen. Nach der feindlichen Nacht hätte nur das Lächeln eines Menschen die Dämonen in die Flucht schlagen können, stattdessen schwieg mich das Haus weiter an und von Menschen war weit und breit keine Spur zu sehen und kein Laut zu hören.

Der Blick aus dem Schlafzimmerfenster traf als erstes auf die Fassade der Realschule, etwas weiter dahinter lag das Krankenhaus, beide Gebäudearten selten von Menschen frequentiert, die sich in beneidenswerter, aufmunternder Verfassung befinden.

Aus dem Küchenfenster auf die Ausfallstrasse zu blicken, war auch nicht erbaulicher, da mir als erstes die Trauerweide ins Auge stach, die am Abend für psychedelische Lichteffekte gesorgt hatte. Im trüben Licht des an jenem Sonntag sicher nicht mehr erwachenden Tages machte sie ihrem Namen alle Ehre.

Die Strasse verlor sich im belanglosen Grau der Ebene zwischen landwirtschaftlichen Intensivflächen auf ihrem Weg nach nirgendwo. Während der zwanzig Minuten, in denen ich meine Gegner fixierte, befuhren zwei Wagen die Strasse, Menschenpassagen fanden keine statt.

Die wenigen Kopfweiden, die, von Axt und Säge noch verschont, sporadisch die Läufe von Rinnsalen begleiteten, erschienen mir als eine Friedhofsvegetation ganz besonders makabrer Art, wie Finger, die, von der Totenstarre gekrümmt, die Sargdeckel durchbohrt hatten und sich drohend in den grauen Himmel krallten.

Alles verbreitete eine niederdrückende Melancholie und Tristesse, die Atmosphäre eines Bahnhofs, der vor unsagbar langen Jahren die letzten Züge mit Reisenden gesehen hatte.

In dem verödeten, halbverfallenen Wartesaal hielt die bleierne Zeit die Zeiger der Uhr fest. Es gab keine Zeit mehr, sie war verloren.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hatten ihre Bedeutung verloren, sie waren ineinander verwoben, da es keine Menschen gab, die die Obliegenheiten ihres Lebens wie Ankünfte, Abfahrten, Geburt, Leben, Vergehen und Sterben an der Unterscheidung gemessen hätten, ob etwas in ihrem Dasein gewesen war, war oder sein würde.

Ich irrte durch den Raum, der seine Zeit vergessen hatte. Es war völlig belanglos, ob ich im Neolithikum oder 1981 hier angekommen war. Meine Zeit lag unerreichbar in Frankfurt und an der ihren, die ich ohnehin nie begreifen könnte, würden mich die Inselbewohner keinen Anteil haben lassen, denn dann hätte ich verstanden, warum sie so waren, wie sie waren. Das konnten sie nicht zulassen, denn das hätte mir Angriff und Vernichtung erlaubt. Ich hätte sie in ihrem Zeitsystem festnageln und zur Rede stellen können.

So ließen sie mich vorsätzlich nach meiner Zeit suchen und blieben in ihrer zurück, um mich aus der sicheren Deckung belauern und bekämpfen zu können. Das ganze Kontinuum von Raum und Zeit hatten sie zu ihren Gunsten verschoben. Aus diesem Grund sah ich sie auch nicht, sie hingegen nahmen jede meiner Bewegungen wahr, registrierten sie und konnten sich darauf einstellen, denn sie wussten stets, was ich im Sinn hatte.

Bereits am ersten Tag stellte ich an mir massive Symptome eines Umzugs- und Kulturschocks fest.»

                                                                           *

––>> Und wie ich (fast) ein deutscher Beamter geworden wäre:

«Erneuter theatralischer Auftritt des Anstaltsleiters, Oberstudiendirektors Esbit, in antiker Manier. Durch Heben des Arms – ‚Salve imperator' – gebot er Schweigen und kündigte dem nur mäßig interessierten Kollegium meine nunmehr unmittelbar bevorstehende Vereidigung gemäß den einschlägigen Passagen des deutschen Beamtenrechts an.

Dafür gab das Lehrerzimmer nicht den angemessenen, würdigen Rahmen ab, also hasteten wir atemlos zu seinem Dienstzimmer, in dem er mir unverzüglich undurchschaubare, in abstrusem Kanzleideutsch abgefasste Verpflichtungserklärungen, Erlasse, Umzugskostenerstattungs-regelungen mir nicht bekannter Landesregierungen, Kultusminister und anonymer Ministerialdirigenten verschiedener Besoldungsgruppen (mit und ohne Zulagen) in mehrfach geänderten, widerrufenen, ergänzten und erweiterten Fassungen (teilweise von nur vorübergehender Gültigkeitsdauer), Beihilfeverordnungen und sonstige höchst unterhaltsame Schriftstücke zu Gehör brachte. 

Vereidigungen sowie Gelöbnisse, die ich auf die unterschiedlichsten Länder und Regierungen ablegen musste, folgten dann anschließend.

Aufgelockert wurde diese verwaltungstechnische Weihestunde, indem er in unregelmäßigen Abständen aufsprang, wie wild meine Hand schüttelte, mir zu verschiedensten Ereignissen gratulierte, sich wieder setzte, erneut in die Höhe schoss und so fort. Der Verdacht kam in mir auf, dass ich es hier unter Umständen mit einer protestantischen Inselvariante der Echternacher Springprozession im Sitzen zu tun haben könnte.

Hin und wieder musste ich etwas unterschreiben, und wenn ich mich nicht sehr täusche, war auch meine eigene Entmündigung dabei, so dass ich für mich eigentlich nicht in Anspruch nehmen kann, ich hätte nichts gewusst von der Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamtentums und ihren Folgen.»

                                                                           *

––>> Und jetzt versuchen wir mal, ein bisschen zu unterrichten, wofür Lehrer ja eigentlich bezahlt werden:

«Unterrichtsbesuche durch Schulvorgesetzte – schon das Wort ist eine Frechheit, niemals hatte ich den Herrn Oberstudiendirektor eingeladen – dienen nur zu einem geringen Teil der objektivierbaren Leistungsmessung, soweit eine solche im Lehrbereich überhaupt stattfinden kann.

Sie sind vielmehr blanke Machtdemonstrationen, die ihre Parallelen bei in Rudeln lebenden Tieren haben.

Der älteste, mit allen Attributen der Macht ausgezeichnete Rudelführer (der entsprechende Löwe hat die prächtigste Mähne, deutsche Oberstudiendirektoren grüne Kugelschreiber) weist den gleichgeschlechtlichen Jungtieren ihre Miniterritorien zu, in die er jederzeit eindringen kann.

Da selbst einer wie Esbit es doch nicht riskieren konnte, mit einem Brunftschrei in die Klasse zu treten, demonstrierte er seine besondere Position dadurch, dass er mit erhobenem Arm in die Klasse getrampelt kam. Dies sollte nicht der ‚Deutsche Gruß’ sein, wie ich anfangs vermutete, sondern er verlangte, dass ich ihm entgegenkam und meine Unterrichtsvorbereitungen in seine Hand drückte.

Den Effekt konnte ich unterlaufen, indem ich einfach keine speziellen schriftlichen Vorbereitungen für diese Heimsuchungsstunden machte. Er stand dann mit gerecktem Arm vor der grinsenden Klasse, ich vor ihm, zu seiner Hand aufsehend, und er wusste nicht, wie er die vordere Gliedmasse, die ihren situativen Zweck nicht erfüllt hatte, in Würde senken sollte.

Vermutlich ging ihm durch den Kopf, ob er die eingeleitete Armbewegung am sinnvollsten damit hätte enden lassen können, indem er mir eine Ohrfeige verpasst hätte.

Dann pflegte er geräuschvoll durch die Klasse zu laufen und den angsterfüllten Kindern in die Hefte zu spähen, mit dem Vorsatz, Unkorrektheiten bei der Hausaufgabenstellung durch mich oder deren Erledigung durch die Kinder aufzudecken.

Er fand natürlich immer etwas. Nichts leichter, als im pädagogischen Beruf Streitereien vom Zaun zu brechen, denn welcher ernstzunehmende Lehrer würde sich denn anmaßen, in dieser Hinsicht über objektivierbare, allgemeingültige Regeln zu verfügen, welche Länge und welchen Schwierigkeitsgrad eine Hausaufgabe haben sollte, um ihren Zweck zu erfüllen?

Wenn der Unterricht dann so lief, dass er nichts Massives fand, an dem sich seine Kritik hätte entzünden können, begann er zu stören, indem er mit seinen Platznachbarn Privatgespräche begann oder albern vor sich hin kicherte.

Brachte mich dies auch noch nicht aus dem Konzept, kam er nach vorn, nahm am Pult Platz und begann, für alle perfekt sichtbar, raschelnd das Klassenbuch durchzublättern und mit Korrekturen zu versehen, die er verbal begleitete mit Äußerungen wie: ‚Das stimmt nicht ...hier fehlt die Hälfte ...ganz falsch ...unsolide ..‘»

                                                                           *

––>> Wie sich Stiefel im Gesicht anfühlen:

«Welche Möglichkeiten stehen einem Menschen zur Verfügung, um seine persönliche Würde zu wahren, gegen Willkür, Demütigung und Verfolgung anzugehen und sich Psychoterror entgegenzustellen? Grundsätzlich eigentlich nur drei:

Er widersetzt sich und bekämpft den Angreifer, der seine Persönlichkeit bedroht.

Er unterwirft sich und identifiziert sich letzten Endes mit dem Aggressor.

Er zieht sich völlig zurück, in eine wie immer geartete Innenwelt oder «künstliche Paradies», da er anders die Realität nicht mehr ertragen kann.

Allen drei Reaktionen ist gemeinsam, dass sie die Energien, die eigentlich in die vereinte Tätigkeit einer Organisation einfließen sollten, von dieser abziehen. Pikanterweise wurde dies in dem hier von mir ausführlich beschriebenen Fall ausgerechnet von dem ausgelöst und ständig weiter verstärkt, der die Effizienz der Institution gewährleisten sollte, der so tollwütig-tüchtige Herr Oberstudiendirektor Esbit.

Man kann es drehen und wenden, wie man will, dieser Schulleiter war eine im klassischen Sinn tragische Gestalt. Verständlicherweise mussten erst viele lange Jahre ins Land gehen, die mich Nachsicht gelehrt haben, bevor ich zu diesem milden Urteil gelangen konnte.

                                                                           *

Normalerweise sind Untergebene durchaus in der Lage, die Eigenarten und Spleens ihrer Vorgesetzten zu tolerieren, ohne dass ihre Leistungsfähigkeit und ihre Persönlichkeit Schaden nehmen.

Aber was soll denn, um Gottes Willen, ein Lehrerkollegium nur unternehmen, wenn sein direkter Vorgesetzter, mit dem es tagtäglich Kontakt hat, ausschließlich aus Eigenartigkeiten besteht, und eine akzeptable Art von Normalverhalten nicht mehr erkennbar ist? Es sich, überspitzt formuliert, im Belagerungszustand durch eine schwer gestörte, psychisch kranke Person befindet, die leider über die besseren Waffen verfügt? Sarkastischste Ironie des Schicksals oder eingebaute Hinterhältigkeit eines Systems? Wenn Variante eins zuträfe, diese Art von Schicksal wäre korrigierbar, wenn man wollte. Da dies nicht geschah, wäre zwei nicht ganz an den Haaren herbeigezogen – Wo die Demokratie nicht als eine Vielfalt von Möglichkeiten, als ein Rahmen für ein geregeltes Austragen von Konflikten verstanden wird, sondern als Dienst nach Vorschrift, da hat natürlich der Dienstherr die Disziplinargewalt: ‚Vater Staat' (ein Begriff, den es in keiner anderen Sprache als der deutschen gibt) bestimmt die Regeln, die Kinder üben sich in lustvoller Unterwerfung unter seine Autorität.”

                                                                           *

––>> Wenn’s draußen kalt ist, muss drinnen geheizt werden – oder: Im Guerillakrieg darf man nicht zimperlich sein:

«Was verbreite wohl ein stimmungsvolleres Ambiente als ein Feuer im Wohnzimmer? hatte Volker gefragt, als wir in seinem gemütlichen Heim, das auch den Namen ‚Villa Frankenstein oder Villa Schrott’ trug, zusammensaßen, um über das aufregende Inselleben zu diskutieren.

Mir sei die Existenz eines Kamins hingegen noch nicht aufgefallen. Meinte ich.

‚Was hat ein Feuer mit einem Kamin zu tun?’ meinte Volker: Irrglaube zu vermuten, das eine bedinge notwendigerweise das andere, meinte Volker. 

Und er war ja immerhin der Mieter des herrschaftlichen Anwesens, dessen artgemäße Nutzung ihm laut Mietvertrag schließlich zustand.

Einen Wohnungsbesitzer in seinen eigenen vier Wänden der Lüge zu zeihen, hätte ich niemals gewagt, dazu bin ich viel zu gut erzogen.

‚Was stehst Du hier in der Gegend ’rum? Hol’ lieber Brennholz’, wies Volker mich an, während er auf dem Holzfußboden des Wohnzimmers Hefte seiner Schüler zerknüllte, die er ursprünglich zwecks Korrektur mit nach Hause genommen hatte. Hatte der Herr Oberstudiendirektor gemeint. Womit er sich wieder einmal getäuscht haben sollte.

Da der Hauseigentümer offensichtlich nicht die Möglichkeit ins Auge gefasst hatte, dass wir trotz Ermangelung eines Kamins vielleicht die Neigung verspüren könnten, uns ein behagliches Feuer zu machen, gab es auch kein Heizmaterial. Auf den ersten Blick.

Auf den zweiten, genaueren Blick stellten wir jedoch fest, dass die gesamte Küche eigentlich nur aus Brennholz bestand, man brauchte es nur von den Wänden zu nehmen.

Solange es sich dort befand, wurde es Paneele genannt, nachdem ich es mitsamt Schrauben und Dübeln aus der Wand gerissen hatte, was nicht ungefährlich für mein Augenlicht war und einer erheblichen Kraftanstrengung bedurfte, sah es genauso aus wie Brennholz. Volker fand das auch, geradezu  zum Verwechseln, schien es ihm.

Sicher habe es im Laufe seines langen, eigentlich ziemlich unnützen Paneel-Lebens den rechten Grad der Trockenheit erreicht, so dass es hohe Zeit sei, es endlich seinem wahren Verwendungszweck zuzuführen.

Gedankenvoll nahm Volker einen weiteren Stapel Klassenarbeitshefte zur Hand, murmelte sehr betrübt ein: ‚Sowieso alles voller Fehler, kein Wunder bei meinem Unterricht’, sprach's und entzündete die Hefte auf dem Holzfußboden.

                                                                           *

Mit schien dies eine durchaus sinnvolle Verwendung von Unterrichtsergebnissen, denn aus eigener, leidvoller Erfahrung wusste ich, dass man mit der Rückgabe von korrigierten Klassenarbeiten ausschließlich ein unwürdiges Gefeilsche um Zensuren provozierte, das die Harmonie zwischen Lehrer und der Schülerschaft empfindlich störte.

Ich mochte das überhaupt nicht, da ich ein Mensch bin, der anderen nur sehr ungern zu nahe tritt, und das tut man natürlich in sehr aufdringlicher Weise, wenn man ihnen ihre Fehler unter die Nase reibt.

Außerdem lege ich von jeher großen Wert darauf, dass man gern in meiner Nähe ist und die Harmonie genießt, die ich durch mein überaus ausgeglichenes und einnehmendes Wesen zu verbreiten vermag.

Darum korrigierte ich die Arbeiten der Schüler, in die sie ja immer auch ein Stück ihrer Persönlichkeit investiert hatten, stets sehr taktvoll und zurückhaltend, indem ich überwiegend am Rand vermerkte, dass man sich doch bitte, falls es nicht zu viele Umstände mache, überlegen wolle, ob man dies wirklich ernst gemeint habe, was da so etwas unrichtig und vermutlich noch verbesserungsfähig stehe.

Wie Zunder brannten die Hefte mit hellen, bläulichen Zungen, die gierig nach den letzten Stücken unseliger Schülerfehlleistungen leckten und sich in den Rachen schoben, in dem sie auf Nimmerwiedersehen verschwanden.

Volker legte etwas von unserem Holzvorrat nach, startete die Bandmaschine mit Arbeiterkampfliedern, löschte das Licht, versorgte sich und mich mit Getränken und ließ sich zufrieden lächelnd an meiner Seite nieder.

Wir hätten gar nicht gedacht, dass es auf der Insel jemals so gemütlich hätte werden können. Eigener Herd ist eben tatsächlich Goldes wert.

Das optimal abgelagerte Brennholz sorgte für sehr gleichmäßigen Brand, auch die Luftzufuhr war überaus befriedigend. Sie wurde ständig aufrechterhalten durch eine Art von eingebauter Zwangsentlüftung, mit der diese Villa glänzte, neben vielen anderen großzügigen Luxusaccesoires.  Fenster und Türen waren mit üppigen Toleranzen gearbeitet, so dass die Insassen ständig in den Genuss einer erfrischenden Brise kamen.

Nirgends klemmte etwas, im Gegenteil, sobald der Wind auf Nordwest sprang und sechs Beaufort erreichte, öffneten sich vollautomatisch die Haus- und Küchentür, und ein gleichmäßiger, sehr beruhigend wirkender Heulton erfüllte das ganze Haus.

Als Volker noch neu in dem Gemäuer war, raste er beim Auftreten dieses Tons anfangs in den Sicherheit verheißenden Keller, da er dieses Geräusch fälschlicherweise für eine Luftschutzsirene hielt. Mit der Zeit mochte er es dann allerdings nicht mehr missen, ersparte es ihm doch die Anschaffung eines Barometers.

Vier Stunden nach dem ersten Ertönen pflegten intensive Regen- oder Schneefälle auf die Insel niederzugehen. 

Schön war es, anzusehen, wie sich die ehemals weiße Zimmerdecke langsam mit einer dunklen, rußigen Patina überzog, die ihr das ehrwürdige Aussehen von Jahrhunderten langer, intensiv durchlebter Existenz verlieh. Das Flackern der Flammen spiegelte sich in den Fenstern und uns wurde es warm ums Herz, meinem lieben Volker und mir.

Ich fühlte starke Sympathien für meinen Kollegen und Freund, den Bruder und Spießgesellen im Elend Volker, der plötzlich völlig unvermittelt heiser zu bellen und zu prusten begann. Irgend etwas schien seine Bronchien zu reizen, was ich mir eigentlich nicht recht erklären konnte.

Das männlich-herbe Dioxin-Aroma, das unser offensichtlich mit Xylamon behandeltes Luxus-Brennmaterial während seiner Oxydation verbreitete, erinnerte mich an diejenige Periode meiner goldenen Jugendzeit, in der ich mir mit viel Mühe und unter größter Selbstüberwindung das Pfeiferauchen angewöhnt hatte.

Mein damals knapp bemessenes Taschengeld von DM 20,00 pro Monat hatte mir ausschließlich erlaubt, die im untersten Preissegment angesiedelten Tabaksorten zu kaufen, von denen man, in Abwandlung eines damals sehr geläufigen Reklamespruchs, mit Fug und Recht sagen konnte:

‚Der Tabak, der auf der Zunge und nicht in der Pfeife brennt.’

Der Raum war nun gleichmäßig von blauem Rauch erfüllt, und langsam verspürte auch ich ein gewisses Bedürfnis nach einer Sauerstoffzufuhr.

Als ich mich meinem lieben Freund, dem einsam am Lagerfeuer liegenden, mittlerweile stockbesoffenen Marlboro-Mann mitteilen wollte, musste ich zu meiner Bestürzung feststellen, dass ihm dicke Tränen über das Gesicht liefen. Etwas schien ihn sehr zu deprimieren, es war ein trauriger Anblick, der mir fast das Herz brach und die Seele schwer machte.

Bevor ich jedoch beruhigend meinen Arm um seine Schulter legen konnte, schwankte er krächzend und asthmatisch röchelnd zum Fenster und riss beide Flügel auf, was er wohl besser unterlassen hätte, denn 'fauch', sagte das Feuer, wurde vierzig Zentimeter höher und näherte sich bedenklich der Hose des aus dem Fenster hängenden, verzweifelt nach lebenserhaltender Luft ringenden Kollegen.

Für einigermaßen unkollegial und sehr befremdlich hielt ich seine im Anschluss an unsere Feuertaufe ständig kolportierte Behauptung, ich hätte versucht, ihm die Hose vorsätzlich in Brand zu setzen, und das zu einem Zeitpunkt, da er infolge größerer Mengen vorher genossener geistiger Getränke völlig wehrlos gewesen wäre.

Die Hose sei ihm zwar völlig egal, er habe ja noch eine weitere,  deren Inhalt hingegen nur in einfacher Ausführung.

Immerhin sei mir ja schon immer bekannt gewesen, dass er später einmal unbedingt  Nachkommen in die Welt setzen wollte, was ein unkontrolliertes Ausbreiten der Feuersbrunst in seinen Beinkleidern sicher verhindert hätte, und wie ich das wohl jemals vor seiner Freundin hätte rechtfertigen können.

Auf mein sorgenvolles Befragen nach eventuell unerwünschten Konsequenzen unseres Feuerabends meinte Barbara lapidar, sie habe keinerlei beunruhigende Veränderungen feststellen können, alles sei so wie immer, und sie könne sich über nichts beklagen, was das beträfe.“

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––>> Nach anderthalb Jahren auf der Insel des Schreckens, von mir auch gelegentlich liebevoll «Cayenne II» genannt, legte es mir das Kieler Kultusministerium nahe, meine Unterrichtsversuche lieber auf dem Festland fortzusetzen; dies ist höflich ausgedrückt, eigentlich erhielt ich einen Marschbefehl zwecks «Bewährungsversetzung». «Versetzung» war ja nicht schlecht, ich kam in eine höhere Klasse, «Bewährung» hörte sich allerdings verdächtig nach Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim an. Einen Bewährungshelfer bekam ich dann auch gleich zugeteilt:

«Einer von denen, der Schleswig-Holsteiner mit Leib und Seele war und sich darauf einiges zugute hielt, stand vor mir, die Taschenuhr in der Hand.

Eigentlich stand die Taschenuhr mit ihm vor der Schule, ohne die charismatische Uhr wäre er mir gar nicht aufgefallen.

‚Später’, stolperte Kronos, der Vertrocknete, spitz über einen ebensolchen Stein, ‚später hätten Sie wohl auch nicht kommen können?’ 

Damit konnte er nicht ernstlich meinen, dass ich zu früh gekommen war? An mir sollte es nicht liegen, liebend gern wäre ich wieder zurückgefahren, hätte auch mit Vergnügen Hanne nach dem Aufstehen unter die Dusche geholfen, statt mich genötigt zu sehen, mir das Wort zum Montag, verkündigt von Hilfskaplan Dr. Kleinlich, Oberstudiendirektor, anzuhören.

Die Miene, mit der er gern eine väterlich-ermahnende Interpretation in mir ausgelöst hätte, wirkte vaterländisch-vernichtend auf mich, uninterpretiert.

Wäre diese Begrüßung Teil einer Fernsehquizsendung gewesen, hätte dies einer Pepsodent-lächelnden Assistentin Anlass gegeben, steißwedelnd zu mir zu trippeln, kokett einen kleinen Gong hochzuhalten und, während sie mir einen tiefen Blick in ihr Dekolleté gestattet hätte, ,boing', mit einem Klöppel neckisch auf das Metall zu schlagen, um mir mitzuteilen:

‚Der Kandidat hat null Punkte. Vielen Dank für's Mitmachen.’

Da dies aber nicht so war, musste ich mich mit dem Anblick des Schulleiters begnügen, besaß trotzdem null Punkte, musste in die Schule und hatte die ganze Sendung noch vor mir.

Nicht recht bei der Sache war ich an diesem ersten Spätsommerferien-Schultag, so, als ob mich all die Wichtigtuerei des pädagogischen Personals nicht beträfe, auch der noch ungezähmt fortdauernde Übermut der Schüler zerrte mir nicht an den Nerven.

Es war mir, als sähe ich all dem Treiben in dem Schulhaus mit der gleichen Anteilnahme zu, wie sie ein Zoobesucher aufbringt, wenn er durch eine dicke Glasscheibe die schwimmenden Fischen beobachtet, die nach rätselhaften, ihm ganz und gar nicht ersichtlichen Plänen durcheinander zappeln.

Ihm ist, da er nicht ungebildet, klar, dass sie mit ihrem Tun fischige Zwecke verfolgen, aber da es ihm unmöglich ist, sich in das biologische Programm eines kalten, artfremden Schuppentieres einzufühlen, beschließt er, die Kiementräger unbehelligt zu lassen.

Analoges entschied ich für mich, nämlich mich nicht länger als erforderlich der unwirtlichen Lebenssphäre auszusetzen, in denen andere Gesetze herrschten, als die, nach denen meine Lebensprozesse organisiert sind.

Der Stundenplan, den mir einer der Angehörigen des Hofstaates des Herrn Aquariumsleiters aushändigte, wies immerhin den erfreulichen Aspekt auf, dass ich samstags keinen Unterricht zu erteilen hatte, so dass ich in den folgenden zwei Monaten bereits am Freitag Mittag auf die Insel zu meiner Frau fahren konnte, um das Wochenende mit ihr zu verbringen.

Auf dem Weg zurück zu meiner temporären Herberge hatte ich Muße genug, mit mir spekulierend zu Rate zu gehen, wie wohl der erste Eindruck zu bewerten sei.

Männliche Intuition, die sicher nicht fehlbarer ist als ihr feminines Pendant, sagte mir eindringlich und nicht zu überhören:

«Du brauchst gar nicht erst so zu tun, als ob hier irgend etwas in Ordnung wäre. Du hast doch ganz genau bemerkt, alter Schwede, dass es dieses Mal existenzbedrohend werden könnte. Hören wir doch endlich auf, uns gegenseitig so zu behandeln, als ob wir nicht wüssten, dass sie Dir jetzt das Fell über die Ohren ziehen wollen.»

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«Die milchig-stieren Augen des Direktors, diese widerwärtigen, mich nach Schweineart unverstehend-rechthaberisch fixierenden Blicke,  amphibienhaft-stupide glotzend hinter Brillengläsern so dick wie die Böden von Bierflaschen, mich aufspießend wie Stecknadeln, die ein Schmetterlingssammler knackend durch den Chitinpanzer chloroformierter Beute bohrt, um sie seiner Trophäensammlung einzuverleiben, sie hatten mir seine Pläne gnadenlos offenbart:

‚Teurer Freund, du bist verloren!
Fürsten haben lange Arme,
Pfaffen haben lange Zungen.
Und das Volk hat lange Ohren!'
Heinrich Heine“

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––>> Das formelle Ende unserer etwas durchwachsenen, aber zumindest in vielerlei Hinsicht denkwürdigen Schleswig-Holstein-Vorstellung liest sich so:

«Am Morgen des 28. Dezembers 1988 hielten wir auf dem letzten deutschen Autobahnparkplatz vor der Schweizer Grenze.

Ich nahm eine große Apothekerflasche aus dem Kofferraum, klebte ein Etikett mit Totenschädel und gekreuzten Knochen darauf, stopfte die winselnden, sich heftig wehrenden Gespenster des Nordens hinein, verkorkte und versiegelte die giftgrüne Phiole so sorgfältig ich konnte und übergab sie den braunen Wassern des donnerhall-brausenden Schicksalsstromes.

Ich hörte noch, wie die Geister grimmig aufheulten, widerborstig strampelten und wutentbrannt gegen die undurchdringlichen Wände ihres dunklen Karzers schlugen, dann schwammen sie schaukelnd in Richtung auf den platten Norden davon, vorbei am lebensfrohen Elsass, das sie nicht unbedingt begeistert empfangen hätte, da es von Deutschen schon lange genug hat.

Eingelullt von Wagners schicksalsdüster raunenden Rheintöchtern und wieder aufgescheucht von Koloraturen trällernden, busenwogenden Walküren, erreichten sie den Niederwald, wo sich deutsche Verblendung und vaterländischer Größenwahn ein rachsüchtiges Kitsch-Denkmal gesetzt haben.

Weiter stromab, kurz vor dem dunklen Felsen, auf dem goldhaarkämmend die Loreley sitzt und ihre für deutsche Männer eminent bedrohlichen, schaurig-unwiderstehlichen Gesänge ertönen lässt, versenkten sie sich vor Angst und Entsetzen selbst, indem sie den Korken aus ihrem Giftflaschen-Boot herauszogen, woraufhin sie gurgelnd und gluckernd hilflos in der Tiefe des Flusses versanken, auf dessen Grund sie scheppernd zwischen dem Rheingold aufsetzten, das sich als eine unverkäufliche Mischung aus trügerischem Talmi und völlig wertlosem Katzengold herausstellte, wie so manches in Deutschland.

Dort unten mögen sie bis zum Jüngsten Tage ruhen:
'Bis die apokalyptischen Reiter euch
abholen, um euch zu wägen und zu richten!'
Das war das erste, letzte und einzige Mal, dass ich eine so männlich-deutsche Heldentat wie Schiffeversenken mit überzeugtem Applaus bedachte!

Um 12.00 Uhr überschritten wir die Grenze zur Schweiz bei Weil am Rhein, kehrten meinem 'Vaterland' unwiderruflich und für immer den Rücken und wurden aufgenommen in den weit geöffneten Arme der Helvetia, deren Körper etwas sehr Menschliches hat, im krassen Gegensatz zu dem ihrer Stiefschwester, der Germania – meiner armen, grauen Mutter aus eiskaltem Kanonenstahl der weltweit berüchtigten Marke Krupp.»

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––>> Und da sich die Geschehnisse des «Tief im Norden» an der Küste zutrugen, möchte ich meinen Bericht mit einer Meeresszenerie beenden – angelehnt an Mr. Edgar Allan Poe:

«Beim Näherkommen erkannte ich einzelne, verhallende Stimmen, die nur noch sehr kläglich auf mich wirkten. Von draußen kamen sie, von der schäumenden See trieben sie zum Land. Dann verstummten sie für immer, versunken in dem kalten Grab meiner Erinnerungen.

Atemlos bestieg ich die glitschige Klippe, rutschte aus, stürzte und kroch auf Knien weiter, blieb an einem Ast hängen, der mir eine brennende rote Furche durch das Gesicht zog und schmeckte, wie das warme, metallische  Blut in meinen Mund floss.

Weiter, noch höher hinauf, nur ganz oben, dort in schwindelnder Höhe, wo das Unwetter wie ein Berserker raste und brüllte, würde ich die Stille finden, um endlich erkennen zu können.

Dort würde der ganze Zivilisationsplunder mir nicht mehr den Blick trüben und das endlose Gefasel der Menschen mich nicht länger ablenken können.

Die letzten Meter – schon sah ich die Felsenkante, darunter klafften 200 Meter senkrechter Unendlichkeit.

Dort lag Friede!

In der Tiefe peitschte der Regen gegen die steinerne Wand und trieb mir in langen Kaskaden entgegen, wie der Schleier der unerreichbaren Frau vom Meer, die ich schon  so lange suchte.

Die jagenden Wolken rissen auf und ließen das bleiche Mondlicht für Sekunden auf die kochende, marodierende See fallen:

Weit draußen, immer noch außerhalb der menschenfressenden Brandung, aber nicht mehr unerreichbar von ihr, tanzte ein Boot auf der Dünung, eine altmodische Bark holländischer Bauart, Spielball der leidenschaftlichen Elemente, tanzte zu der uralten Melodie, welche die See singt, seit sie geschaffen wurde.

Die Takelage hing in Fetzen von den gebrochenen Masten, ihre Splitter ragten wie eine zum Schwur erhobene Hand zum Himmel.

Das zerrissene Segel war von der wächsernen Farbe eines Leichengewandes.

An einem Maststumpf hing, unter Fesseln gekrümmt, eine schlanke menschliche Gestalt, gespenstisch umzuckt vom Flackern des Elmsfeuers, das wie irrwitzig von einer Mastspitze zur anderen sprang.

Schwach hob das gequälte Wesen den Kopf, erblickte mich und schrie mir ein grausiges, in den Ohren gellendes Lachen herüber, halb triumphierendes Hohngelächter, halb qualvoller Todesschrei.

Es schien mir fast, als zöge es dieses geschundene Wesen unwiderstehlich in das verschlingende Chaos, dessen Opfer und Auslöser es gleichermaßen war.»

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––>> Und dies ist alles, was ich Ihnen aus «Tief im Norden» zu erzählen hatte.

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Word-Datei zum Download:
Lesung aus «Tief im Norden», Generalversammlung der Sozialdemokratischen Partei des Bezirks Rheinfelden/Schweiz, Januar 2000