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ES SIEHT BÖS AUS!

SKANDAL! SKANDAL!

SEBASTIAN

TIEF IM NORDEN

Lesung aus «Es sieht bös aus!»
2. Niederdörfer Literaturtage
November 2004



Sehr geehrte Damen und Herren

Ich werde Ihnen in den folgenden wenigen Minuten drei kurze satirische Texte vortragen.
Darüber, was Satire ist und welche gesellschaftliche Funktion und Daseinsberechtigung sie hat, könnte ich den ganzen Abend mit Ihnen reden; was allerdings zur Folge hätte, dass mich die charmanten Damen des Organisationskomitees der 2. Niederdörfer Literaturtage des Saales verwiesen und mir hinterherriefen: «Es reicht jetzt!»
Womit wir bei einer der Hauptquellen von Satire wären; wenn es reicht, will’s geschrieben sein.
Und es reicht nicht nur, wenn man in die hohe Politik geht, nein, eigentlich geht es jeden Morgen schon los mit der ganzen Mühsal unseres irdischen Daseins:


                                         *

An einem Tag wie jedem anderen

Es gibt eine Menge Volksweisheiten, die über Jahrhunderte entstanden sind und in ihrer Quintessenz all das enthalten, was man wissen muss, will man sich halbwegs unbeschädigt durchs Leben schlagen. Ich jedenfalls, der ich nicht unbedingt mehr der ganz jungen Generation zugerechnet werden kann, richte mich strikt nach ihnen; z.B. beherzige ich arbeitstäglich: «Morgenstund hat Gold im Mund!» Vor dem ersten Hahnenschrei aus dem Nest wie bei Wilhelm Busch: «Mit kühnem Mut aus seinem Bett – schwingt sich der Turner Hoppenstedt!», einen Kaffee reingekachelt, und auf geht’s, so war jedenfalls auch an jenem Montag meine intuitive Planung.

Statt einfach meine Befehle auszuführen und mir einen heissen Kaffee mit dieser «köstlich aufgeschäumten Haube» zu kredenzen, beginnt unser vollelektronisches «Aromacenter» seinen Tag damit, dass es mich barsch anleuchtet: «Gerät reinigen»; soll sich die Kiste doch selbst reinigen, ich hab’ keine Zeit für solche Albernheiten, gibt’s den ersten Kaffee eben im Büro.

Dass sich der Akku der elektrischen Zahnbürste am dritten Schneidezahn von links missmutig brummend wieder zur wohlverdienten Ruhe begibt, wer will es ihm verdenken? Es ist wohl noch zu früh für ihn.

Wenigstens mein Auto widersetzt sich nicht meinen Anordnungen, sondern entriegelt sich freundlich klickend auf Knopfdruck und gestattet mir grosszügig, hinter dem Lenkrad Platz zu nehmen. Schlüssel drehen: Gentlemen, start your engines – das Inferno bricht los im Multifunktionsdisplay: «Anschnallen, Service nach 3 Kilometern, Tankinhalt minimal.» Sonst noch was? Nach allem, was ich an Kenntnissen über mich selbst sammeln durfte, sind solche Mitteilungen nicht überdurchschnittlich gut dazu geeignet, mich besonders milde zu stimmen. Um es freundlich zu umschreiben.

Gott sei’s gedankt, gleich um die Ecke haben wir ja eine Tankstelle! Deren empfindsame Mechanismen sind allerdings gerade intensiv mit einer qualvollen psychoanalytischen Selbstbetrachtung beschäftigt, so dass sich die Gerätschaft zu ihrem Bedauern ausserstande sieht, Kunden zu bedienen: «Kreditkarten- und Banknotenannahme ausser Funktion.» Die Nichtbedienungsanlage könnte auch anzeigen: «Life functions terminated», wirkte dass nicht so abschreckend auf die Kundschaft.

Aus meiner anschliessenden Power-Fahrweise schliesse ich messerscharf, dass mein Sinn für Humor wieder nach Hause gegangen ist und sich zu Bett begeben hat, während ich sportlich die nächste «get connected»-Zapfsäule aufs Korn nehme – und nur knapp verfehle. Immerhin, deren Kraftstoffdistributionsinstallationen finden sich gnädigst herbei, meinem dürstenden Automobil einige Liter lebensnotwendiger Oktanbrühe zur Verfügung zu stellen.

Hören wir doch mal, was in der Welt Schönes passiert ist; also flugs einen Sender eingestellt: «Däh-är-ess dryh» (für des Schweizerdeutschen Unkundige: «DRS drei»). Nachmittags verabreicht dort manchmal irgendein Alb(traum)öhi, dessen sprachliche Fertigkeiten in Johann Wolfgang von Goethes Hochsprache, von elitärer germanistischer Warte aus betrachtet, an vorsätzliche Körperverletzung grenzen, verbale «Filmdips»; das ist wahrscheinlich dieser undefinierbare Matsch, in den man seine staubigen Tortillachips tunken soll, damit der muffige Grundgeschmack eliminiert wird. Nach dem Zeug hat man immer diesen ekelhaften Film auf den Zähnen, wenn man nicht reichlich mit Tequila nachspült. Wenigstens habe ich jetzt die etymologische Erklärung für «DRS-Filmdips» aufgedeckt, auch wenn’s heute Morgen noch zu früh ist für so scharfe Sachen. Ein Sprecher in meinem Radio versucht gerade, sich durch Texte zu kämpfen, die gespickt sind mit phonetischen Falltüren und Fangeisen. Der klassisch gebildete Zuhörer würde dazu bemerken: «Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas! Wenn auch die Kräfte fehlen, so ist der gute Wille doch zu loben!»

Was besonders positiv zu vermerken ist, der mit allen möglichen linguistischen Niederträchtigkeiten seiner Redaktion ringende Ultrakurzwellen-Ansager lässt sich so schnell nicht entmutigen, auch wenn nicht alles gleich im ersten Anlauf in gewünschter Vollendung gelingen will. Vielleicht war er ja vor seinem Rundfunkmoderatorendasein aktiv bei der Royal Canadian Mounted Police, deren Motto: «They always get their man» er auf die gnadenlose Verfolgung schwieriger Wörter in Nachrichtentexten ausgedehnt hat?

In Indonesien haben sie gewählt, wird mir radebrechend in approximativer Imitation des Hochdeutschen mitgeteilt: «Der ehemalige General Sushilo Bambangbang Yoho» – Pause –, «Bamabangobam Yoshui» – Räuspern –, «der von den USA gestürzt, äh, gestützt wird.» Ob einer von Amerika erst gestützt und dann gestürzt wird (oder umgekehrt), ist mir eigentlich genauso egal wie dem Sprecher. Und nun zum Wetter: «Nach abfallenden Niederregen wird Erheiterung erweitert.» Vielen Dank, soviel zum Schweizer Rundfunk, nobody is perfect!

Ich hätte das wahrscheinlich auch nicht besser hingekriegt: «Der General Nasi Goreng am Brahmaputra...» – «Der Cottbusser Postkutschschaffner putzt den Cottbusser Postkutschkasten!» Schneller!! Sehen Sie? Das ist gar nicht so einfach, wie Sie glauben. Aber höhnisch über Nachrichtensprecher lachen...

Im Büro will ich gleich emsig mit der Arbeit beginnen, denn dafür greife ich ja jeden Monat ein horrendes Salär ab; flugs den PC gestartet: und ran an den Feind wie Hector an die Buletten! Oder fast. Basisdemokratische Mitteilung auf meinem IBM-Bildschirm: «Sie haben fünfmal ein Update verweigert, das Update wird jetzt installiert.»

Zähneknirschend muss ich notgedrungen nach all den Jahren doch meiner Mutter beipflichten, die zu mir, als ich noch ein Kind war, immer sagte: «Junge, wir sind nicht auf dieser Welt, um uns zu amüsieren!»

                                         *

Es wird Ihnen aufgrund der merkwürdigen Art, wie meine Mutter mit mir zu sprechen pflegte, was sich auf mich übertragen hat, nicht entgangen sein, dass ich nicht in der Nähe der Vorderen Frenke geboren wurde und auch nicht hier aufwuchs.

Sondern im Grossen Kanton, der uns von Norden her bedroht. Ich kenne diese Kameraden im Schwäbischen sehr gut und kann nur warnend ausrufen:

Alle Mann auf Gefechtsstationen, die Hunnen kommen – oder:


«Gefechtsmässiges Einkaufen» – der neue Mega-Trend

Es war einmal eine alte Zeit, da glaubten die Menschen an gute und böse Geister, den Klapperstorch als Geburtshelfer und an sonstiges krauses Zeug. Dann brach die industrielle Revolution herein. Neue Märchen wurden erzählt. Zum Beispiel das vom Paradies auf Erden für alle. Und auch jene Mär, dass die Wirtschaft nicht zuletzt, sondern geradezu vorsätzlich, deshalb so herumwirtschaftete, damit Arbeitsplätze geschaffen würden. Frühen Miesmachern und Zweiflern, die als Auslöser für das geschäftige Treiben des Schlotbaronats von Sheffield und Pittsburgh ganz andere Gründe als die Verbesserung der allgemeinen Wohlfahrt am profitmaximierenden Werke wähnten, wurde kein Glauben geschenkt; das einfältige Volk bevorzugte deliziöse Legenden wie die von Cinderella oder vom Tellerwäscher, der Millionär wird. Zwar ist eine der Konsequenzen der terrestrischen Gravitation diejenige, dass die umgekehrte Reihenfolge die üblichere ist, aber wer will denn so etwas schon hören?

Gott sei Dank, diese märchenhaft irrationalen Zeitläufte sind passé, und an Fantasiegeschichten glauben noch nicht mal mehr echt volltotal die Nintendo-Kids.

Ironie des Schicksals: Was Karl Marx, Friedrich Engels und Dale Carnegie immer schon gepredigt haben – die handzahme und lammfromme Arbeiterklasse ihnen aber nie geglaubt hat, summa summarum: «Geld regiert die Welt!» – das hat schliesslich die Wirtschaft selbst vollbracht.

Zu schlechter Letzt erkannte jedes Mondkalb, was mit so hübsch verhüllenden Formulierungen à la «Shareholder value», «just in time» usw. wirklich gemeint ist, und der Volksmund, der ’s gern deutlich hat, nennt das Kind frank und frei bei seinem Namen: «Selber fressen macht fett!» oder: «Vom Nehmen ist noch keiner arm geworden!» Geboren war somit die neue Raffzahn-Gesellschaft, in der Bescheidenheit als das gehandelt wird, was sie nach progressivem Verständnis ist: Einfältigkeit! Die Welt, besonders die 3., ist ein Selbstbedienungsladen: «Man nehme.»

Bislang sassen beim zunehmend grassierenden Absahnen die Konsumenten am kürzeren Kochlöffel, und bei uns in der Schweiz hatte nur der grenznah wohnende Konsument eine kleine Chance, den vampirischen Unarten der flächendeckend Kohle einkassierenden eidgenössischen Kartelle zu entgehen, indem er für seine Konsumorgien ins Ausland flüchtete und bei französischen und deutschen Discountern billige Lebensmittel «satt» bunkerte. Kam er dann mit auf der Strasse schleifenden Stossstangen zum helvetischen Zoll, konnte es durchaus kritisch und gebührenintensiv werden.

Aber dieses Lohntütenempfängermartyrium wird demnächst ein Ende haben, denn die Erlösung naht von Norden.

In deutschen Gauen tummelt sich seit Jahren ein preisbrecherischer Hecht namens ALDI im Karpfenteich des etablierten Lebensmitteleinzelhandels.

Sah man anfänglich in ALDIs als Ramsch- und Plunderläden verachteten ehemaligen Garagen und Lagerhallen Männer (zum Zwecke der perfekten Tarnung die Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen) und Frauen (in islamistische Kopftücher und lange Mäntel unkenntlich verhüllt), wie sie heftig niesend durch den Pulverdampf aus zerfetzten  Waschmittelkartons hasteten, die den Schnäppchen-Bestien in die Pranken geraten waren, erbarmungslos in den Boden gestampften breiigen Sülzwürsten auswichen und die Minenfelder sich blähender, versprengter Jogurtbechereinheiten zu ihren Füssen unbeschadet zu durchqueren suchten – dabei hauptsächlich darauf achtend, von niemandem erkannt zu werden – so hat sich dies mittlerweile völlig geändert: ALDI ist zum Kult-Discounter avanciert, auf dessen Parkplätzen Mercedes und 4-wheel-drive Jeeps einträchtig neben den vergammelten Drahteseln von Sozialhilfeempfängern stehen! Im Gefecht um die Sonderangebote fallen alle Klassenschranken – und jede Zurückhaltung; beim erbarmungslosen Kampf der Managergemahlin mit der Langzeitarbeitslosen um die letzte Dose Katzenfutter sind alle Mittel erlaubt. Bei ALDI gilt das Gesetz der Schlacht von Stalingrad: Es werden keine Gefangenen gemacht.

Auf diese amüsante Art von «Combat shopping» darf sich nun auch der Schweizer Endverbraucher freuen: ALDI ante portas! – der Lange Marsch nach Süden ist selbst durch unsere Milizarmee nicht mehr aufzuhalten. Die Einflugschneise verläuft ab 2005 über Romanshorn und Weinfelden (TG), Altenrhein (SG), Pfäffikon (ZH) und Gebenstorf (AG); unmittelbar nördlich der Grenze, in Weil am Rhein, wird der schon bestehende teutonische Discounter-Brückenkopf verdoppelt werden.

Aber wieso ist bei ALDI alles so unheimlich billig? Natürlich sind’s die Rieseneinkaufsmengen; aber dahinter könnte noch etwas anderes stecken, worüber www.aldi selbst sich eher kryptisch äussert: «Es werden Verhandlungen geführt, die über den üblichen Rahmen von Einkaufsgesprächen hinausgehen. Dabei gibt es vielfältige Möglichkeiten und Wege, auch Nebeneffekte in Einkaufsvorteile umzumünzen.» Man sollte einmal auskundschaften, wie viele von ALDIs Einkäufern in Corleone und Palermo rekrutiert werden: «Wir machen Ihnen ein Angebot, das sie nicht ausschlagen können.»

                                         *

Aber nicht nur von ausserhalb unserer Landesgrenzen droht uns Gefahr, nein, der Feind bewegt sich schon mit schwindelerregender Geschwindigkeit mitten unter uns.

Die automobilistische 5. Kolonne – oder:


Das klägliche Ende der Asphalt-Cowboys

Mal ganz offen und ehrlich, Hand aufs Herz – schliesslich sind wir ja hier unter uns: Könnten Sie vor Gericht beeiden, dass Sie noch nie vom Geschwindigkeitsrausch überwältigt worden sind? Einfach mal so aus blankem Übermut triumphierend auf die Tube gedrückt und gejauchzt haben: «Was stört mich Weib, was stört mich Kind? Sollen sie doch betteln gehen, wenn sie hungrig sind – frei ist der Bursch!!»

Ach so, das waren natürlich nicht Sie.

Und als das Triebwerk Ihres mega-coolen V-8-Schlittens mit Neptuns Dreizack im Kühlergrill kernig hochdrehte, sein maximales Drehmoment mit unwiderstehlicher Wucht auf die Kurbelwelle stemmte und seine infernalische Wut heiser aus den Auspuffrohren brüllte und fauchte, Sie knackig den 3. Gang reinhauten wie Schumacher in Monza vor der Parabolica und sich an Ihren sexy Hi-Performance-Niederquerschnitt-Pneus wimmernd der volle «Racing grip» aufbaute – da überschwemmte sie, während Sie sich auf den Brustkorb trommelten, eine für uns Männer lebensnotwendige Ur-Erkenntnis wie eine Sturmflut: «Ich Tarzan, Herr des Urwalds: JANE!!!!»

Dann kam der Rücksturz zur Erde: dieser dreimal verfluchte rote Blitz, der Ihnen das Blut in den Adern gefrieren liess und Sie jäh wieder zu demjenigen Rechtlosen machte, der jeden Morgen pünktlich um sieben Uhr seinem diktatorischen Büro-Vorarbeiter wortreich erklären muss, warum Projekt XYZ immer noch unerledigt ist.

Die Tage nach dem Blitz wurden Ihnen zur Hölle auf Erden: Nichts anderes konnten Sie mehr tun, als sich endlos den Schädel zu zermartern, mit wie vielen km/h Sie wohl zügig an den staatlich legitimierten Wegelagerern vorbeigerauscht waren und mit welchem Beitrag Sie an der polizeilichen Topfkollekte teilnehmen würden, um den nächsten Kameradschaftsabend des durstigen Radarkommandos massgeblich mitfinanzieren zu dürfen.

Und wenn Sie jetzt schon wutschnaubend meinen, wenn diese höhnisch grinsenden Racheengel der Obrigkeit ein Radarkonterfei nach dem anderen von Ihnen schiessen, so überschreite das die Grenze zum Raubrittertum, dann ziehen Sie sich mal besser hübsch warm an: Denn dies war erst der Anfang.

Von der arglosen Öffentlichkeit unbemerkt, bahnt sich derzeit im Strassenverkehr der Schweiz ein Umsturz nie geahnten Ausmasses an, gegen den die französische Revolution von 1789 ein Kindergeburtstag war; bestenfalls ein laues «Reförmchen», über das man müde und gelangweilt hinwegsehen kann. Und wer sind diese Schweizer Kopfgeldjäger, die mordgierig ihre Bajonette wetzen und demnächst ihre Kantonspolizeideckel gegen die phrygische Mütze tauschen werden? Und wer wird den Blutzoll an die Strassenverkehrsrevolution entrichten müssen? Diesmal muss nicht, wie damals in Frankreich, der Adel dran glauben, sondern es sind die Automobilisten, die man aufs Schafott zerren wird, denn an ihren Händen klebt zu viel Blut. «Rübe ab!!», wird man schreien, «Auch dem noch den Nacken ausrasieren!!», wird man grölen, und nicht viel Zeit wird ins Land gehen, bis auch der letzte derjenigen enthemmten Schweizer Auto-Rambos mit Stumpf und Stiel ausgelöscht sein wird, die heute noch ohne Rücksicht auf Verluste durch unsere friedlichen Dörfer rasen: dabei hohnlachend Regenwürmer, Briefträger, hoch trächtige Kuhherden und anderes Kroppzeug, das es wagt, sich ihnen vor den Frontspoiler zu werfen, gnadenlos niedermähend; nur die helvetische Radarwaffe leistet ihnen erbitterten Widerstand bis zur letzten Filmpatrone. Und da schreitet die Aufrüstung unaufhaltsam voran.

Kürzlich hat sich die Schweizer Verkehrs-Terrorbehörde, die es sich aufs Panier geschrieben hat, den Schweizer Autofahrer definitiv zur Strecke zu bringen, schon mal vorsichtig und auf Samtpfoten an die Öffentlichkeit gewagt. Sie wollte in einer Art Pilotprojekt diskret auf den Busch klopfen und herausfinden, wie wohl Volkes Meinung zu gewissen Ideen ist, denen seitens dieser sauberen Behörde nachgegangen wird. Aus Tarnungsgründen nennen sich die amtlichen Strassenräuber bislang noch verharmlosend «Bundesamt für Strassenverkehr» oder kurz: «Astra». Aber darauf sollten wir nicht reinfallen, die Firmen des noblen Herrn Capone in Chicago hiessen ja auch «Schutzgeld-AG», «Al’s Express-Inkasso GmbH & Co. KG» und ähnlich unverfänglich.

Das «Astra», nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen feschen Opelmodell, hat nun vorgeschlagen, durch ungefähr hundert Massnahmen die Verkehrssicherheit massiv zu erhöhen. Eine der Anregungen besteht darin, den Automobilführern während ihrer sausenden Fahrt das Telefonieren mit dem Handy zu verbieten. Das wird Zoff geben, denn schliesslich ist Fahren ohne zu telefonieren bei schlappen 120 Sachen auf der eidgenössischen Autobahn echt ätzend, und irgendwie, z.B. mit dem Absenden von SMS, muss man sich doch wach halten. Wie gesagt, das Nicht-mehr-in-die-Ferne-sprechen-Dürfen ist nur ein Vorschlag von vielen, und die knallharten, die liegen noch tief im Safe des «Astra» versteckt.

Das Gesamtvorhaben ist zu sehen im Rahmen der «Vision zero», wobei dies nicht so zu verstehen ist, dass alle Automobilisten vor Antritt ihrer Fahrten regelmässig so viele Alco-Pops abbinden sollen, bis ihre Sicht gegen null strebt und schliesslich gleich «zero» ist, sondern vielmehr werden die Unfälle auf «zero» gebracht.

Durch einen seiner Maulwürfe ist dem Verfasser dieses Artikels ein bereits fertig ausgearbeiteter «Vision zero»-Plan zugespielt worden, der in einer als «Geheime Kommandosache» klassifizierten 2. Stufe die reinsten Gestapo-Methoden auf Lager hat. Hier ein kleiner Vorgeschmack: In jeder Gemeinde, die mindestens zwei Automobilisten beherbergt, wird eine so genannte Verkehrskommandantur eingerichtet. Beabsichtigt ein Automobilist, eine Ausfahrt von mehr als 850 (in Worten: achthundertundfünfzig) Metern am Stück durchzuführen, so hat er vier Wochen vorher einen begründeten schriftlichen Antrag bei der Verkehrskommandantur persönlich einzureichen.

Drei Wochen vor der geplanten Öko- und Unfallkatastrophe, früher Autofahrt genannt, wird er vorgeladen und muss der Kommandantur Rede und Antwort stehen. Kommt es widerwillig zu einer Genehmigung der Fahrt, muss sich der automobile Delinquent am Morgen, zwei Stunden vor Fahrtantritt, auf der Kommandantur melden, wo er einem Drogen- und Alkoholtest unterzogen wird sowie ihm eine Rechtsmittelbelehrung verabfolgt wird; anschliessend muss er eine theoretische Fahrprüfung absolvieren. Wenn er jetzt immer noch Lust hat, Auto zu fahren, wird er der AFG, der Automobilistenführungsgruppe, überantwortet, die aus einem Verkehrspsychologen (VkP), einem Verkehrsrichter (VR) sowie einem MFg, dem Mobilen Feldgeistlichen, besteht. Die AFG führt den Fahrer – der mit angelegten Hand- und Fussfesseln im ureigensten Eigeninteresse sicher davor bewahrt wird, sich unterwegs mal kurz ins nächste Wirtshaus zu absentieren, um gemäss alten Gepflogenheiten noch mal eben einen zu zwitschern – zu seinem Wagen; jetzt werden vor das Auto, dem von der MESbdVK, der Motoren-Entziehungs-Staffel bei der Verkehrskommandantur, bereits der Motor fachmännisch entnommen worden ist, zwei pensionierte Appenzeller Ochsen gespannt – Stiere wären zu beschleunigungsstark – und einer fröhlichen Spritztour zu viert, mit einer atemberaubenden V/max. von 1,0213 km/h, untermalt von liturgischen Gesängen des MFg, beruhigenden Worten des VkP und massiven Strafandrohungen des VR steht nun nichts mehr im Wege.

                                         *

Abschliessend möchte ich Ihnen noch meine ganz eigene Definition von Satire geben: Für mich ist Satire die sehr sorgfältig versteckte Liebeserklärung an die Menschheit – ohne ihr gleich die Ehe versprechen zu wollen.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend.


                                         ***
Word-Datei zum Download:
Lesung aus «Es sieht bös aus!», 2. Niederdörfer Literaturtage, November 2004