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Jan Peters – Paperback Writer

Während eine tabellarische Aneinanderreihung von Jahreszahlen ihre Daseinsberechtigung für ‚nüchterne’ Zwecke wie Bewerbungen durchaus beanspruchen kann, erscheint es für die Kurzdarstellung des Lebenslaufes eines Menschen, der sich schreibend äussert, angemessener, etwas ‚ausufernder’ zu Werke zu gehen.


Sein bisheriges Leben resümierend, zitiert Jan Peters gern Bert Brecht:
«Schlendernd durch Höllen
und gepeitscht durch Paradiese,
still und grinsend,
vergehenden Gesichts,
träumt er gelegentlich von einer kleinen Wiese
mit blauem Himmel darüber;
und sonst nichts.»

*

Der Himmel über dem Rammelsberg, dem Schicksalsberg Jan Peters’ niedersächsischer Geburtsstadt Goslar am Harz, zeichnet sich durch ein Blau und einen Wolkenflug aus, wie man dies nirgendwo sonst auf der Welt findet, glaubt Jan Peters – Paperback Writer.

 

Geboren wurde Jan Peters am 24. Dezember 1947 im niedersächsischen Goslar am Harz, einer Stadt, die mehr als 1000 Jahre Geschichte sorgsam in ihrem kollektiven Gedächtnis und in ihrem äusserem Erscheinungsbild bewahrt hat:

«Goslar war Residenzstadt deutscher Könige und Kaiser bis 1253. Das Erzbergwerk Rammelsberg bei Goslar ist als einziges Bergwerk der Welt kontinuierlich über 1000 Jahre in Betrieb gewesen. Zusammen mit der mittelalterlichen Altstadt Goslars und der Kaiserpfalz wurde das Bergwerk 1992 als Weltkulturerbe der UNESCO eingetragen.

Mit seinem Reichtum von fast 30 Millionen Tonnen Erz hat der Rammelsberg die Geschichte und Entwicklung der Stadt Goslar als ‚Schicksalsberg’ geprägt. Der Silberreichtum des Rammelsberges war Anfang des 11. Jahrhunderts Ursache für die Gründung der Pfalz durch Kaiser Heinrich II.; im Jahre 1009 fand die erste Reichsversammlung in Goslar statt. Durch den Metallhandel hatte die Stadt eine bedeutende Stellung innerhalb der Hanse.

Der mächtige Pfalzbau wurde im romanischen Stil errichtet. Die Goslarer Kaiserpfalz war über Jahrhunderte hin die grösste und sicherste Pfalzanlage sächsischer und salischer Kaiser. Das heute noch geschlossen erhaltene Stadtbild ist geprägt durch Gildehäuser, das historische Rathaus und eine grosse Zahl Bürgerhäuser mit kunstvoll beschnitztem Fachwerk.»

(Homepage der Stadt Goslar)



In seinem 3. Buch, ‚Sebastian – Abenteuerliches aus vergangenen Zeiten’, erschienen im Jahre 2000, beschreibt Jan Peters das (notabene!) retrospektive Grundgefühl seiner Kindheit:

«Und so wuchs Sebastian auf, in einem für ihn berechenbaren, in sich ruhendem Universum, das ihn auf seine Weise behütete, und in der die Zeit so gleichmässig rann wie in einer grossen Sanduhr und Veränderungen so allmählich eintraten, dass ihm das trügerische Gefühl vermittelt wurde, dies wäre ausnahmslos für die Ewigkeit gemacht, und alle, die er kannte, würden bei ihm bleiben können bis an ein gemeinsames Ende. Ein wahrlich tröstlicher Kinderglaube, ohne den ein Mensch nur schwerlich ungeschoren durch das Leben kommen wird – und der an der späteren Welt, die nach der Kindheit wartet, in tausend Scherben birst!

Die alte Stadt war eine sehr geeignete Stadt, um darin erwachsen zu werden, und die Berge mit ihren dunklen, von Harzgeruch durchwehten Wäldern, in denen man im Herbst so wunderbar Pilze sammeln konnte, auf federnden Nadelböden, sich zwischendurch zum Ausruhen auf Moospolster bettend, um den emsig-unermüdlichen Käfern zuzusehen, wie sie unter äusserster Kraftanstrengung riesige Lasten durch das Kraut zerrten, während das Summen und Brummen der flugtauglichen Insektenwelt in allen möglichen Tonarten die klare Luft vibrieren liess, diese Berge bildeten einen perfekten Kontrast zu dem sanft wogenden, helleren Vorgebirgsland, mit seinen inmitten der vielen Zuckerrübenfelder verstreut liegenden Fachwerkgehöften.

Mit hinaus in die unruhige Welt nahm Sebastian diese friedliche Seele Niedersachsens, und sie nährte ihn immer dann, wenn die Kälte der Fremdheit und die Leere der Vereinsamung von ihm Besitz ergreifen wollte.

Und klein würde er später alles finden, wenn er zurückkommen würde aus der anderen Welt, die er mit seiner Heimat tauschen würde, und irgendwann einmal, nach vielen, vielen Jahren, würde ihn die Erkenntnis anrühren, dass ,Heimat‘ dort gewesen sein könnte, falls für ihn überhaupt so etwas existieren und eine Bedeutung haben sollte, wo die Menschen genauso sprechen wie er selbst einst sprach – und alles verstand.»

*

‚Heimat’ – ein Wort, wie sich Jan Peters kein deutscheres denken könnte; es startet umgehend ein Kaleidoskop intensivster Erinnerungen, erzeugt ein tieftrauriges Glücksgefühl und unerfüllbare Sehnsucht nach etwas, das eher der Fiktion als der Realität zugeordnet werden müsste, würde man der Rationalität Priorität einräumen; was Jan Peters beim Schreiben in weiten Passagen bewusst nachlässig betreibt bis vorsätzlich hintertreibt. „Unsere Erinnerungen sind die einzigen Paradiese, woraus wir nicht vertrieben werden können“, sagte Jean Paul. Und Jan Peters’ Lieblingsgemälde heisst ‚Das Paradiesgärtlein’; welch ein Zufall!

*

Wie es dann mit Jan Peters ab dem 1. Februar 1969 weiterging – nach 18 Monaten Wehrdienst in Lüneburg beim PzGrenBtl. 82 vom 3. Juli 1967 bis 20. Dezember 1968, worüber es ausser den mehr oder weniger sinnvoll erscheinenden Tätigkeiten, wie sie ‚unter den Fahnen’ gepflegt werden, nichts Bemerkenswertes zu berichten gäbe – das liest sich in Jan Peters’ Buch Nr. 2, ‚Frankfurt – Vermutungen über eine Zumutung’, erschienen 1997, so:

«Ein Jüngling, im Ankommen noch sehr ungeübt, entstieg auf dem Frankfurter Hauptbahnhof dem Zug, um hier sein weiteres Leben durch Aufnahme eines Berufs erstmals zu begründen – vielleicht in freudigen Erregung und der still naiven Hoffnung, diese Stadt, die ehemalige Freie Reichsstadt, die Messe- und Bankenstadt, die Rhein-Main-Metropole, die Verkehrsdrehscheibe der Bundesrepublik Deutschland, habe nur auf ihn gewartet, um ihn mit einem heimlichen Zeichen des Willkommens in ihr Leben abzuholen. Er bemerkte sehr schnell, dass sie seine Ankunft nicht zur Kenntnis nahm; jedenfalls liess sie sich nichts anmerken.»

*

Einige Jahre später sitzt Jan Peters in Frankfurt-Bockenheim, in einer Studentenkneipe mit dem verwunderlichen Namen ‚Dr. Flotte’, und erfährt, wie das Sein das Bewusstsein bestimmt:

«Nachdem er sich an einem winzigen Nähmaschinentisch, auf einem alten, wackligen Holzstuhl, niedergelassen hatten, betrachtete der Jungstudent verwundert seine Umgebung, die schon so manches Frankfurter Studentenschicksal miterlebt hat.

Dominierendes Element des schmalen Raumes war eine hufeisenförmige Theke, umringt von hochbeinigen Barhockern, die, wie manche der Gäste zu späterer Stunde, den Schwerpunkt ziemlich weit oben hatten.

Das restliche Mobiliar rekrutierte sich aus ganz unterschiedlichen Exemplaren, die Spuren langjähriger Benutzung trugen. Aller möglicher Schnurrmurr hing an den holzgetäfelten Wänden oder stand auf einer Art von Sims oberhalb der Theke.

Auch die breiten Fensterbretter und -nischen enthielten mancherlei Zeugs, das seine Funktion schon lange erfüllt hatte und hier sozusagen sein Gnadenbrot erhielt – dafür als dekoratives Ambiente für so etwas wie Wohnzimmeratmosphäre vergangener Zeiten sorgte.

Eine tiefe Ruhe verbreitete sich in Körper und Geist, die Sonne schien in das Lokal, und plötzlich spürte er, wie etwas ganz leise und zärtlich um seine Beine strich – sich fast unhörbar schnurrend in sein Leben schob.

Und in dieser skurrilen Kneipe,
– an der Bockenheimer Warte,
– in Frankfurt am Main,
– der alten Freien Reichsstadt,
– die sehr viel Raum für sehr viel Verschiedenes lässt, beugte sich ein noch etwas schüchterner junger Student unter den klapprigen Nähmaschinentisch... und blickte geradewegs in die Augen einer Wildkatze, die ihn ansah, freundlich ‚miau’ zu ihm sagte und sich auf seinen Fuss legte, um ihn zu wärmen.»

(Frankfurt – Vermutungen über eine Zumutung.)

*

Frankfurt – eine Katze? Eine sehr merkwürdige Art und Weise, sich über eine Stadt zu äussern! Mit Frankfurt verbinden die meisten Menschen Unsentimentales wie Börse und Banken, Jan Peters hingegen schwärmt von seinem ‚Goldenen Zeitalter’, wenn er auf die Stadt am Main angesprochen wird; keine Stadt der Welt setzt mehr Enthusiasmus in ihm frei.


*

Die Zeit vom Februar 1981 bis Ende Dezember 1988 verbrachte Jan Peters mit seiner Frau in Schleswig-Holstein, eine aus vertrackten Gründen höchst unerfreuliche Zeit, dieserart komprimierbar: «Und es traten die Jahre hinzu, von denen ich sage: Und sie gefielen mir nicht!»

Die Gesamtdarstellung dieser ‚Grossen Depression’ erfolgt in Jan Peters’ Erstling ‚Tief im Norden – in der pädagogischen Windstille’, erschienen 1995.

In einer Passage des Buches im Stil einer ‚Gothic Novel’ dramatisiert, wird bei Jan Peters aus dieser Phase seines Lebens das schaurige Bild des Fliegenden Holländers kurz vor dem Eintritt in den Mahlstrom:

«Atemlos bestieg ich die glitschige Klippe, rutschte aus, stürzte und kroch auf Knien weiter, blieb an einem Ast hängen, der mir eine brennende rote Furche durch das Gesicht zog, und schmeckte, wie das warme, metallische  Blut in meinen Mund floss.

Die jagenden Wolken rissen auf und liessen das bleiche  Mondlicht für Sekunden auf die kochende, marodierende See fallen:
‘For the moon never beams without bringing me dreams
Of the beautiful Annabel Lee;
And the stars never rise but I see the bright eyes
Of the beautiful Annabel Lee;
And so, all the night-tide, I lie down by the side
Of my darling, my darling, my life and my bride,
In her sepulchre there by the sea –
In her tomb by the side of the sea’.

(Edgar Allan Poe: Annabel Lee.)

Weit draussen, immer noch ausserhalb der menschenfressenden Brandung, aber nicht mehr unerreichbar von ihr, tanzte ein Boot auf der Dünung, eine altmodische Bark holländischer Bauart, Spielball der leidenschaftlichen Elemente, tanzte zu der uralten Melodie, welche die See singt, seit sie geschaffen wurde.

Die Takelage hing in Fetzen von den gebrochenen Masten, ihre Splitter ragten wie eine zum Schwur erhobene Hand zum Himmel.

Das zerrissene Segel war von der wächsernen Farbe eines Leichengewandes.

An einem Maststumpf hing, unter Fesseln gekrümmt, eine schlanke menschliche Gestalt, gespenstisch umzuckt von dem Flackern des Elmsfeuers, das wie irrwitzig von einer Mastspitze zur anderen sprang.

Schwach hob das gequälte Wesen den Kopf, erblickte mich und schrie mir ein grausiges, in den Ohren gellendes Lachen herüber, halb triumphierendes Hohngelächter, halb qualvoller Todesschrei.

Es schien mir, als hätte dieses geschundene Wesen das verschlingende Chaos genossen, dessen Auslöser und Opfer es gleichermassen war.»

*

Nach 7 Jahren, 11 Monaten, 28 Tagen und 10 Stunden in einer Umgebung, die Jan Peters und seine unvergleichliche Lebensgefährtin als durchgehend belastend und nie als Heimstatt empfunden hatten, beherzigten sie die Weisheit der Bremer Stadtmusikanten, die ‚überall etwas Besseres zu finden hofften als den Tod’ und verlegten ihr Domizil definitiv in die Confoederatio Helveticae.

«Am 28. Dezember 1988, um 12.00 Uhr, überschritten wir die Grenze zur Schweiz bei Weil am Rhein, kehrten meinem ‚Vaterland' den Rücken und wurden aufgenommen in den weit geöffneten Arme der Helvetia, deren Körper etwas sehr Menschliches hat, im krassen Gegensatz zu dem ihrer Stiefschwester, der Germania, meiner armen, grauen Mutter aus eiskaltem Kanonenstahl der weltweit berüchtigten Marke Krupp.»

(Tief im Norden – in der pädagogischen Windstille.)